Was tun bei Eis und Schnee?
Oder: wieso bremst die Bremse nicht?

Werkstattips für das Radfahren im Winter.

Abgesehen von den allgemeinen Unannehmlichkeiten des Radfahrens bei Minustemperaturen – Radwege vereist und nicht geräumt, ignorante PKW-Insassen, kalte Füße und tropfende Nasen – gibt es auch technische Besonderheiten und Probleme.

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Während sie den meisten routinierten Ganzjahresradfahrern nur ein leicht genervtes „Ach, doch schon wieder so kalt?“ entlocken, sind viele unserer Kunden doch überrascht von plötzlich versagender Bremse oder Schaltung oder dem Tritt ins Leere.

Hier die häufigsten Probleme und mögliche Lösungen dafür:

Eingefrorene Brems- und Schaltzüge

Feuchtigkeit, die sich in der Bowdenzughülle befindet, gefriert zu Eis, nichts geht mehr. Besonders häufig passiert das bei Rädern mit tiefem Durchstieg („Damenrädern“), bei denen die Züge u-förmig nach unten gebogen verlaufen, so daß sich besonders viel Wasser sammeln kann.

Wichtig: Vor dem Losfahren am Morgen die Bremse überprüfen (die Schrecksekunde an der Ampel kann hässliche Folgen haben) und den Schalthebel nicht mit Gewalt gegen den festgefrorenen Zug betätigen, das mag er nicht und reagiert womöglich mit Kaputtgehen. Wenn man am Vorabend einen mittelschweren Gang eingelegt hatte, kommt man trotzdem halbwegs bequem durch den Tag.

Abhilfe: Auftauen lassen, mit Druckluft durchblasen und ein dünnflüssiges Kriechöl (Brunox, RSP, etc.) einfüllen. Manchmal hilft aber auch nur ein Wechseln des gesamten Zuges. Auch dann etwas schmieren, denn wo Öl ist, kann kein Wasser sein.

Bei uns erfolgt eine Frost-Prophylaxe für die Bowdenzüge bei jeder Grundinspektion.

Unsere Empfehlung für GanzjahresfahrerInnen: hydraulische Felgenbremsen. Anders als ein Bowdenzug können die Hydraulikleitungen nicht einfrieren und auch sonst sind die Bremsen (HS22,33) recht unempfindlich gegen Kälte.

Eingefrorene Naben

Ein Nabendynamo oder eine Getriebenabe hat ein relativ großes Volumen, bei dem es durch Temperaturwechsel zu Über- oder Unterdruck im Nabeninneren kommt. Bei einem Unterdruck wird von aussen Luft ins Nabeninnere gedrückt – samt der darin enthaltenen Luftfeuchtigkeit und dem auf der Dichtung befindlichen Wasser. Egal wie gut eine Dichtung ist: Luft kommt immer durch. Aber die Feuchtigkeit nicht wieder raus! Paradoxerweise wurden die Wasser-in-der-Nabe-Probleme um so zahlreicher, je besser die Dichtungen wurden. (Kaum jemand hat je von einer eingefrorenen F&S 3-Gang-Nabe gehört, und da konnte man den Kugellagern fast zusehen bei ihrer Arbeit.)

Auch Freiläufe können einfrieren. Besser gesagt: Die kleinen Sperrklinken, die für Vortrieb sorgen, frieren am Klinkenträger fest und rasten nicht mehr ein. Die Folge: Man tritt nach vorne durch, manchmal sehr plötzlich, was schmerzhaft enden kann.

Abhilfe bei Nabendynamos: Zwischen Stator und Rotor ist nur ein ziemlich kleiner Spalt, auch geringe Mengen gefrorenen Wassers führen zu einem Blockieren die Nabe. Auf keinen Fall versuchen, das Vorderrad mit Gewalt zu drehen. Irreparable Schäden an der Nabe können die Folge sein. Bestenfalls werden sich der Schnellspanner oder die Achsmuttern lösen, das Lichtkabel reisst ab und das Vorderrad ist nicht mehr fest in der Gabel, was zum Sturz führen kann. Schlimmstenfalls kann es die Nabe zerstören.

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Das Rad muss in die Werkstatt. Nach dem Auftauen wird die Nabe mit Spezialwerkzeug geöffnet, die Statoreinheit herausgeschraubt und getrocknet. Neuere Shimano-Naben haben eine in Kunststoff vergossene Statoreinheit, dadurch verringert sich das Luftvolumen und das Nabeninnere bleibt meistens trocken. Perfekt gelöst hat es nur Wilfried Schmidt, S.O.N. Nabendynamos haben einen Druckausgleich, der wirkungsvoll das Eindringen von Wasser verhindert. Nur sehr alte Modelle können einfrieren, diese können aber eingeschickt und überarbeitet werden.

Abhilfe bei Freiläufen: Bei günstigen Modellen ist es am einfachsten, den Freilaufkörper auszutauschen. Bei teuren Modellen lohnt es sich, den Freilauf auszubauen und ihn mit demontierter Dichtung auf der Heizung durchzutrocknen. Danach wird er mit einem zähflüssigen Öl durchgespült. Für beide Arbeiten muss die Hinterradachse komplett ausgebaut und nach der Montage wieder korrekt montiert und eingestellt werden. Die Arbeit erfordert Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Spezialwerkzeug und damit in der Regel einen Werkstattbesuch.

Abhilfe bei Getriebenaben: Shimano empfiehlt für seine 8-Gang Nabe einmal im Jahr ein Ölbad bzw. für die 11-Gang Nabe einen Ölwechsel. Wir auch. Eventuell in der Nabe befindliches Wasser wird dadurch zuverlässig verdrängt. Auf jeden Fall braucht das Lager auf der Antriebsseite regelmässig eine neue Fettpackung. Hier kommt es zwar nicht zu Frost-, dafür aber um so häufiger zu Rostschäden.

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Wir haben noch nie gehört, daß eine Rohloff-Nabe eingefroren ist. Nur die Schaltzüge unterliegen denselben Gesetzmäßigkeiten wie alle Bowdenzüge (Kapillarwirkung).
Allerdings kann bei bei Temperaturen unter -10°C das Ganzjahresöl zu zäh werden was zu Funktionsbeeinträchtigungen führt. Etwas Spülöl beimischen oder auf Winteröl umstellen ist hier die Lösung. Auch hier hat der jährliche Ölwechel übrigens unter anderem die Funktion, Feuchtigkeit aus dem Nabeninneren zu entfernen.

Bei SRAM-Naben sind es in der Regel die Bedienelemente, also Schaltzug und/oder Klickbox, die einfrieren. Abhilfe siehe oben.

Funktionsstörungen bei Scheibenbremsen

Anders als bei hydraulischen Felgenbremsen (HS11, HS22, HS33) legen die Kolben bei Scheibenbremsen nur minimale Wege zurück. Bei Temperaturen unter -10°C verhärten die Gummidichtungen im Bremskörper, die Kolben werden nicht mehr zurückgestellt und die Bremse bleibt zu. Dieses betrifft übrigens die Bremsen der meisten Hersteller (Shimano, Magura, Avid,…). Das auf den Berliner Straßen reichlich verwendete Streusalz kann ein echter Killer für Scheibenbremsen sein und man tut gut daran, das Salz nach dem Befahren der damit enteisten Straßen abzuwaschen. Wir hatten schon Bremsen in der Werkstatt, die nach nur einem Winter so stark korrodiert waren, dass sie reif für die Schrotttonne waren. Die weiter unten erwähnte Konservierung mit Sprühwachs o.ä. fällt leider wegen der dann nicht mehr vorhandenen Bremswirkung aus.

Abhilfe: Leider keine. Der prozentuale Anteil der Kunden, die auch noch bei extremen Minustemperaturen trainieren gehen, ist so klein, daß er für die Hersteller nicht ins Gewicht fällt.  Wer trotzdem weiter mit dem gleichen Rad fahren möchte, dem bleibt als Lösung für diese Zeit nur der Austausch der hydraulischen- gegen eine seilzugbetriebene Scheibenbremse z.B. von Avid.

Korrosion durch Streusalz

Wie schon im Kapitel Scheibenbremse erwähnt, ist Streusalz nicht gut zu Fahrrädern. Lässt man es auch nur wenige Tage auf einer moderat geschmierten Kette, zeigt sich heftiger Rostbefall.

Deshalb: Möglichst nach jeder Straßenfahrt die Kette abwaschen und/oder mit einem öligen Lappen reinigen und schmieren, eventuell auch mit Sprühwachs oder Rostschutzspray behandeln. Damit lassen sich übrigens auch alle anderen metallischen Oberflächen am Rad konservieren. Es gibt Berichte, daß speziell hochlegierte und unter Spannung stehende Stähle durch Streusalz angegriffen werden. Die Fahrradspeiche besteht aus Edelstahl und steht unter Spannung. Vor allem das in letzter Zeit wegen besserer Wirksamkeit verwendete Magnesium-Chlorid ist sehr aggressiv.  Deshalb auch hier lieber öfter reinigen. Auf keinen Fall sollte das Rad „gesalzen“ eingelagert werden. Eine Spannungsrisskorrosion wird sonst ziemlich sicher auftreten. Der ADFC sammelt und dokumentiert Streusalzschäden unter streusalz@adfc.de.

Bei vielen hochwertigen Laufrädern mit DT-Comp Speichen sind Aluminiumnippel verbaut. Wenn sie zu viel Salz abbekommen, muss man über Laufradzentrieren nicht mehr nachdenken: Die Nippel werden sich nicht mehr drehen lassen.

Reifen

Nicht nur Salz als Streugut ist der Fahrradgesundheit abträglich, auch Granulat kann sehr zerstörerisch sein. Die Steinchen sind z.T. scharf wie Glasscherben und wir beheben jedes Jahr zahlreiche Reifenpannen, für die das Streugranulat Ursache war. Besonders dünnwandige, leichte Sportreifen oder Reifen billiger Bauart sind gefährdet und wir empfehlen, sie gegen Reifen mit etwas mehr Gummi und Pannenschutz auszutauschen im Winter.

Winterreifen fürs Fahrrad / Mountainbiken auch im Winter: Mit Spikes rollt das Bike so sicher wie auf Schienen. Auch für Alltagsräder gibt es gespickte Reifen für eine bessere Bodenhaftung.

Spezielle Winterreifen mit oder ohne Spikes sind ohnehin eine gute Idee, um möglichst rutschfrei ans Ziel zu kommen. Wir haben immer verschiedene Reifen in 26″ und 28″ am Lager. Bei sehr heftigem Wintereinbruch können diese aber auch schnell ausverkauft sein, deshalb gerne anrufen und nachfragen.

Schlösser

Auch den Schließzylindern von Fahrradschlössern setzt Schmuddelwetter zu. Wenn viel Regen- oder Tauwasser ins Schlossinnere fließt, kann es sogar komplett zufrieren über Nacht.  Regelmäßige Pflege mit speziellem Schlossspray (!) schützt vor abgebrochenen Schlüsseln und unbenutzbaren, weil festgeschlossenen Rädern.

Sättel

Gefrierende Gelsättel gibt es zum Glück nur noch selten und bei Schaumstoffsätteln tut man gut daran, sie zum Einbruch des Winters zu erneuern, wenn sie 91c1594208ein Loch haben.
Wirklich glücklich kann der Lammfellpuschelüberzug für den Sattel machen: er nimmt dem morgendlichen Aufsteigen den Schrecken und ergänzt sehr schön die sonstige Winterbekleidung.

 

All diese Dinge können, müssen aber nicht passieren. Deshalb trotz aller Widrigkeiten: Viel Spaß im nächsten Winter!